Solingen: Der erste Dübel kam aus Solingen VON ULRIKE KOHL - zuletzt aktualisiert: 24.03.2010 Solingen (RP)
Wenn heute jemand über Dübel redet, meint er jenes hilfreiche kleine Gerät aus Polyamid, das der Schwabe Artur Fischer (fischerwerke) 1958 erfunden hat. Wer weiß schon, dass ein Dübel bereits 1904 vom Solinger Bürger Ludwig Eichner zum Patent angemeldet wurde? Dieser Dübel war allerdings aus Metall, denn Kunststoff gab es damals ja noch nicht. Bertel Poradny mit den Patenten für den Dübel aus Metall. Der Solinger hat sie von einen weitläufigen Verwandten geerbt. Foto: Martin Kempner
Ludwig Eichner, geboren am 26. November 1874, lebte in Haan, bevor er 1914 seine Firma in Ohligs gründete. "Ludwig Eichner, Ohligs-Merscheid (Rhld.), Spezialität: Sicherungs-Schmelzstreifen und Lamellen, Klammern für Schwachstromleitungen D.R.P.d" steht auf dem Deckblatt einer "Illustrierten Preis-Liste".
1888 begann Eichner seine Laufbahn als Klempner- und Kupferschmied-Lehrling, später Geselle. dann Hilfsmonteur für Elektrik. Als Obermonteur und Elektro-Meister arbeitete er zu dieser Zeit zwischen Remscheid und Berlin. Ab September 1899 war er bei der Firma Hammerstein in Haan tätig, bis diese Firma 1905 an die Bergischen Elektro Werke (BEW) verkauft wurde.
Aus dieser Zeit stammt das erste Patent
Aus dieser Zeit stammt das erste Patent, über einen "aus Blech gestanzten Hohldübel". Die Patent-Urkunde mit der Nummer 162969 trägt das Datum 20. August 1904, ausgestellt vom Kaiserlichen Patentamt mit Brief und Siegel. In einer Hülle ist ein Original dieses ersten Dübels beigefügt. Zahlreiche Bescheinigungen, Referenzen und technische Zeichnungen über das Wirken des Ludwig Eichner, so auch die Patent-Urkunde und die Preisliste, sind in einem Ordner gesammelt, den der Ohligser Bertel Poradny, ein weitläufiger Verwandter der Familie Eichner, vom Ludwigs Sohn geerbt hat. Dieser, Alfred Eichner , starb 1999 im Alter von 85 Jahren.
Bertel Poradny hat eigentlich mit Technik wenig zu tun. Er ist gelernter Industriekaufmann und war von seiner Lehre an 49 Jahre lang bei derselben Firma tätig. Als Hobbies gibt der heute 71-Jährige das Singen im Bergischen Männerchor an, ansonsten pflegt er seinen Garten, und da hat er genügend zu tun, denn das Gelände ist 4000 Quadratmeter groß.
Anlässlich des 90. Geburtstages des Dübel-Erfinders Artur Fischer fischerwerke hielt er es für an der Zeit, die Unterlagen des Ludwig Eichner einmal einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ludwig Eichner, der eigentliche Erfinder des Dübels, verstarb im Jahr 1951 im Alter von 77 Jahren.
DÜBELKUNDE von Florian Pflüger, Südkurier 09.06.2011
Für viele Heim- und Handwerker ist er unentbehrlich: Wer ein großes Bild in der Wand oder eine Markise befestigen will, der greift zum Dübel. Vor 100 Jahren wurde zum ersten Mal ein Patent auf das Werkzeug angemeldet – ein Grund genug, nach dem Geheimnis des Dübels zu fragen.
Über John Joseph Rawlings ist heute nur noch wenig bekannt. Die Zahl seiner Kinder, sein Geburtstag? Darüber kann man nur rätseln. Muss man aber nicht. Denn was viel entscheidender ist: Der Brite hat Millionen von Handwerkern und Heimwerkern auf der ganzen Welt die Arbeit erleichtert – ganz egal, ob es darum geht, ein Bild an der Wand anzubringen oder eine Markise an der Hausfassade zu befestigen. Rawlings ist nämlich der Mann, der vor 100 Jahren das Patent auf den ersten industriell gefertigten Dübel anmeldete. Erst mit seiner Erfindung wurde der Anker für die Wand zur Erfolgsgeschichte.
Über die Erfindung ist eine Anekdote überliefert: Rawlings, der zu dieser Zeit zusammen mit seinem Bruder einen Sanitär- und Elektrikbetrieb in London führte, erhielt 1910 einen Auftrag vom Britischen Museum. Er sollte an den Wänden Elektroinstallationen anbringen – möglichst unauffällig und ohne das Mauerwerk zu zerstören. Der Ingenieur löste das Problem auf eine relativ einfache, aber effektive Weise: Hanfschnur und einen Klebstoff aus Schweineblut verfestigte er um einen feinen Dorn herum und presste das Ganze mit einem Röhrchen zusammen. Dadurch entstand ein Zapfen, den Rawlings in das Bohrloch schieben konnte. Der Clou: Drehte er eine Schraube hinein, so brach diese den Zapfen auf und drückte die Fasern nach außen – der Dübel saß fest in der Wand. Als Befestigungsmittel hatte der kleine Holzblock, den man mühsam in die Wand stemmen musste, damit ausgedient.
Geistesblitz im Schwarzwald
„Jede Erfindung muss der Menschheit dienen.“ So beschrieb Artur Fischer (91) einmal sein Erfolgsgeheimnis. Und er muss es wissen, schließlich verbinden seinen Namen in Deutschland die meisten unweigerlich mit dem Dübel. Artur Fischer war es, der mit seiner Firma fischerwerke GmbH im Schwarzwald das Werkzeug erst zur Perfektion brachte. 1958 erfand der gelernte Schlosser in Tumlingen bei Freudenstadt den Spreizdübel, auch S-Dübel genannt. Der äußerst zähe und langlebige Kunststoffzapfen aus Nylon, der mit Hilfe sogenannter Sperrzungen in der Wand verankert wird, war eine bahnbrechende Erfindung und ist bis heute mit gut 40 Milliarden verkauften Exemplaren der erfolgreichste Dübel weltweit.
Tox Dübel
Eine ähnliche, wenn auch von der breiten Öffentlichkeit weniger beachtete Erfindung gelang der Überlinger Firma Tox, die heute ihren Sitz in Krauchenwies hat, im Jahr 1973. Der sogenannte Tri-Dübel, ein Allzweckdübel aus Polyethylen, ist heute in den meisten deutschen Baumärkten zu finden. Anders als der Fischer-Dübel verhakt er sich nicht im Baumaterial, sondern bildet beim Verschrauben Knoten, die ihn dann auch in Lochsteinen, Gipskartonplatten oder Beton verankern. Der technische Unterschied dürfte aber hauptsächlich für Fachleute eine Rolle spielen. „Der Laie unterscheidet nicht zwischen Kunststoffdübel und Allzweckdübel“, sagt Ralf-Uwe Schrenk, der kaufmännische Leiter bei Tox.
Längst haben sich die Anforderungen in der Befestigungstechnik geändert. Bei der Firma Fischerwerke sind immer noch die meisten Produkte aus Kunststoff. Doch neben Stahldübeln für die Befestigung schwerer Lasten sind in den vergangenen Jahren verstärkt chemische Systeme wichtig geworden. Das liegt vor allem am Baumaterial. Wurde früher massiv mit Stein gebaut, wird nun mehr auf Leichtbauweise gesetzt. „Entscheidend ist nicht mehr die Frage, was wir befestigen, sondern worauf“, sagt Volker Steinmaier, Pressesprecher von Fischerwerke. Holz- und Gipswände brächten die Herausforderung mit sich, „in Luft zu bauen“. Durch die Isolationen an Häusern müssen teilweise 20 Zentimeter Gips oder Styropor überbrückt werden. So werden schwere Sanitär-, Klima- oder Solaranlagen mit Stahl und Chemie befestigt. Loch bohren, Chemiemörtel rein, Stahlanker hinterher, aushärten lassen. „So können Sie nach zwei Minuten zehn Tonnen dranhängen“, sagt Steinmaier.
Hersteller wie Fischerwerke, die auch für den amerikanischen oder den ostasiatischen Markt produzieren, müssen noch weiter denken. Hält der Dübel den jeweiligen klimatischen Bedingungen stand, ist er erdbebensicher, was ist mit Ländern, die nicht den Meter als Maßeinheit haben? Ein Problem sei auch die Versicherung, sagt Steinmaier, und das vor allem vor dem Hintergrund zunehmender Produktpiraterie. Hersteller in China kopierten teilweise den Dübel aus Deutschland, um ihn dann mit dem Markenlogo zu versehen. Gebe es dann Probleme mit den Produkten, sei das Unternehmen in der Nachweispflicht, dessen Name auf dem Produkt steht.
Jedes neue Produkt, das in Deutschland zugelassen wird, muss vom Deutschen Institut für Bautechnik geprüft und zugelassen werden. Von der Kopie sei es aber in Sachen Aussehen und Gewicht überhaupt nicht zu unterscheiden. Oder, wie es Ralf-Uwe Schrenk von Tox ausdrückt: „Der Teufel steckt im Detail. Dübel ist halt nicht Dübel.“
John Joseph Rawlings wäre sicher beeindruckt über die heutige Technik gewesen. Wie hundert Jahre nach dem ersten Dübel-Patent die Zukunft des kleinen Werkzeugs aussieht? Gut möglich, dass auch in hundert Jahren noch daran getüftelt wird. Volker Steinmaier ist sich jedenfalls sicher: „Aufgrund der immer neuen Baustoffe wird es nie ein Ende geben“.